Kuscheln mit dem Drachen

Stuttgarter Zeitung vom 05.07.2013

Kuscheln mit dem Drachen

Kuscheln mit dem Drachen

Mit prallen Portemonnaies gehen ausländische Firmen in Deutschland auf Einkaufstour – Chinesen setzen auf Kooperation

Finanzkräftige chinesische Investoren nutzen die Gunst der Stunde und steigen bei hiesigen Unternehmen ein. Aus den einstigen Angreifern sind mittlerweile aber vielerorts Partner geworden.


STUTTGART. Der Betonpumpenbauer Putzmeister, der Gabelstaplerriese Kion, der Werkzeugmaschinenbauer Emag, der Solarpionier Sunways – die Liste der Firmen, an denen sich chinesische Investoren in den vergangenen Jahren beteiligt haben, ließe sich beliebig fortsetzen.
Immer öfter steigen asiatische Firmen und Finanziers bei technologiestarken Unternehmen ein, auch in Baden-Württemberg. Mit dem Schörzinger Motorenspezialisten Degen und dem Heilbronner Werkzeugbauer GIW gingen allein in den ersten Monaten dieses Jahres zwei mittelständische Südwestfirmen mehrheitlich an chinesische Konkurrenten. Kaufpreis – unbekannt. Schätzungen zufolge will das Reich der Mitte in den kommenden Jahren bis zu zwei Billionen Dollar (1,55 Billionen Euro) im Ausland investieren, ein Gutteil davon in Europa.
Besonders im Fokus stehen Branchen, die die chinesische Führung als strategisch betrachtet. Dazu gehören der Infrastruktur und Bausektor, Umwelttechnologien, aber auch der im Südwesten besonders starke Maschinen- und Werkzeugmaschinenbau. Droht ein Ausverkauf hiesiger Firmen an die kommende Weltmacht in Asien? Nein, sagen Fachleute. „Die alte Angst der deutschen Firmen vor China ist einer Neugier gewichen“, sagt etwa Volker Schiek, Geschäftsführer des Landesnetzwerks Mechatronik BW, eines Unternehmens- und Forschungsbündnisses, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den High-Tech-Standort Baden-Württemberg voranzubringen. Die Zusammenarbeit deutscher und chinesischer Firmen gleiche in jüngerer Vergangenheit einer Erfolgsgeschichte, sagt Schiek. Immerhin berge eine engere Kooperation die Chance, den gigantischen chinesischen Markt intensiver zu beackern.
Tatsächlich bestätigen jüngere Beispiele dieses Bild. Nach der Übernahme des Maschinenbauers Putzmeister durch den chinesischen Konkurrenten Sany Anfang 2012 laufen die Geschäfte bei dem Unternehmen aus Aichtal bei Stuttgart. Fast 20 Prozent ist Putzmeister im Jahr eins nach der Übernahme durch Sany gewachsen, und auch im laufenden Jahr stehen die Zeichen auf Wachstum, wenn auch deutlich langsamer als 2012. „Unser Verhältnis zu den Chinesen ist nach wie vor sehr partnerschaftlich“, sagt Putzmeister-Chef Norbert Scheuch.
Beim erst im Februar mehrheitlich von Suzhou Xinneng übernommenen Maschinenbauer Degen klingt es ähnlich. Trotz
unterschiedlicher Herangehensweisen an manche Dinge arbeite man „sehr partnerschaftlich zusammen“, sagt Degen-Geschäftsführer Rainer Degen. Friede, Freude, Eierkuchen in den deutsch-chinesischen Beziehungen vor Ort?
Tatsächlich scheinen Fälle wie der des Fräsenspezialisten Zimmermann aus Denkendorf mittlerweile Seltenheitscharakter
zu besitzen. Jahrelang arbeitete sich das Unternehmen an seinen chinesischen Eignern ab, die versuchten, Firmen-Know-how nach Fernost abzuziehen. 2010 setzte die Firma die Chinesen per Notklausel vor die Tür. Seither geht es wieder aufwärts. Auch die Autoren einer aktuellen China-Studie zu dem Thema sind der Meinung, dass das rüpelhafte Verhalten chinesischer Firmen hierzulande eher der Vergangenheit angehört. „Chinesische Investitionen stiften hier erhebliche Werte“, sagt Sebastian Klötzel vom Beratungsunternehmen Munich Innovation Group. Besonders kleine und mittelständische
Unternehmen könnten profitieren. Anders als große Konzerne verfügen sie meist nicht über die nötige Finanzkraft, den chinesischen Boom-Markt im Alleingang zu erschließen.
Zwar sei es immer noch das vorrangige Ziel der Fernost-Investoren, Zugang zu Wissen und Innovationen zu bekommen, sagt
Klötzel. Die meisten neuen Eigner zögen das Wissen von den übernommenen Firmen aber nicht mehr ab, sondern versuchten es kooperativ weiterzuentwickeln. In mehr als drei Viertel aller Fälle würden die deutschen Entwicklungsabteilungen mit dem frischen Kapital aus China sogar gestärkt.
Aber nicht nur das Reich der Drachen investiert derzeit kräftig in Deutschland, es läuft auch andersherum. Nach Daten des
Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA) sind die deutschen Direktinvestitionen in China immer noch fast 20-mal so hoch wie diejenigen Chinas hierzulande. Ein Großteil davon wird von Konzernen wie VW, Daimler, BASF oder Siemens getätigt. Einen immer größeren Anteil tragen aber auch kleinere Firmen. Im Ballungsraum um Schanghai haben sich nach Daten des Kompetenznetzwerks Mechatronik BW rund 3000 deutsche Mittelständler angesiedelt. Im 50 Kilometer entfernten Taicang haben eine ganze Reihe namhafter Maschinenbauer ihre Landesvertretungen.

Dass durch Kooperationen Jobs abwandern, will keiner zugeben, das Risiko besteht aber
Bei der Ansiedlung helfen die chinesischen Behörden kräftig mit, etwa durch die Ausweisung von Industrieparks oder durch
einfachere bürokratische Abläufe. Um die nötigen Drähte zu legen, besuchten chinesische Regierungsvertreter auch schon mal technologiestarke Kleinfirmen hierzulande, sagt Fachmann Schiek.
Die Sache lohnt sich. Noch immer wächst China – zumindest offiziellen Statistiken zufolge – mit geschätzt 7,75 Prozent jährlich. Das sind Werte, die in den klassischen Märkten Europa, USA und Japan undenkbar wären. Auch wenn sich speziell die Maschinenbaukonjunktur derzeit abkühlt, weiß Schiek von kleinen Maschinenbauern, deren Teile-Absatz sich nach dem Sprung nach China versechsfacht hat, oder von millionenschweren Lizenzgebühren, die chinesische Tochterfirmen
an ihre deutschen Mütter zurücküberweisen, um hierzulande Jobs in der Forschung zu sichern.
Auch Klötzel kennt ähnliche Beispiele und glaubt, dass der Forschungsstandort Deutschland von China profitieren wird. Anders sieht es allerdings bei einfachen Tätigkeiten in den Unternehmen aus. Man wisse nicht, wie sich die zunehmende Verschmelzung Chinas und Deutschlands auf die Produktionsmitarbeiter auswirke, sagt er. Ein Risiko, dass die Fertigung abwandere, bestehe schon.

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