Der Fachkraftemangel in der Mechatronik und Automatisierungstechnik ist in Baden-Wurttemberg seit Jahren ein zentrales Thema fur Unternehmen und Bildungspolitik gleichermassen. Wahrend die Nachfrage nach qualifizierten Mechatronikern und Anlagentechnikern stetig steigt, stagniert die Zahl der Ausbildungsabschlusse in diesen Berufen. Das Projekt "Haus der Moglichkeiten" versucht, an diesem Problem anzusetzen - durch eine engere Verzahnung von schulischer Ausbildung und betrieblicher Praxis.
Idee und Aufbau des Projekts
Das Konzept hinter dem "Haus der Moglichkeiten" ist einfach: Berufsschulen und ausbildende Unternehmen gestalten Lerneinheiten gemeinsam. Statt dass Berufsschuler theoretisch lernen, was sie spater im Betrieb anwenden sollen, besteht die Lernsituation bereits aus realen Aufgabenstellungen aus dem Betriebsalltag der Partnerunternehmen.
In der Praxis bedeutet das: Unternehmen stellen Aufgaben zur Verfugung, die in der jeweiligen Produktions- oder Wartungsumgebung anfallen - etwa die Fehlerdiagnose an einer SPS-gesteuerten Anlage, die Kalibrierung eines Messsystems oder die Inbetriebnahme einer Sicherheitsschaltung. Die Berufsschulklasse bearbeitet diese Aufgabe zunachst unter Lehrerbetreuung im Schulhaus, anschließend in einem Besuch beim Unternehmen unter betrieblichen Bedingungen.
Vorteile fur Unternehmen und Schuler
Fur die Ausbildungsbetriebe hat das Modell mehrere Vorteile. Erstens lernen potenzielle zukunftige Auszubildende das Unternehmen fruh kennen - und umgekehrt. Die Schule fungiert damit als verlangerte Vorphase der Berufsorientierung. Unternehmen konnen fruhzeitig erkennen, welche Schulerinnen und Schuler die Anforderungen der Ausbildung erfullen wurden.
Zweitens profitieren die Unternehmen von einem wissensnahen Austausch mit den Lehrenden. Lehrer an Berufsschulen fur Mechatronik haben haufig selbst Berufserfahrung und konnen Inhalte vermitteln, die direkt auf aktuelle betriebliche Herausforderungen zugeschnitten sind.
Fur die Schuler bietet das Modell den wohl entscheidenden Vorteil: Sie erleben Ausbildungsinhalte als praktisch relevant. Der haufig gehorte Einwand junger Menschen gegenuber dualer Ausbildung - "Was lerne ich in der Schule, das ich im Betrieb nie brauche?" - wird durch echte Aufgabenstellungen aus realen Fertigungsumgebungen entkraftet.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Das Modell stellt auch Anforderungen, die uber den schulischen Regelbetrieb hinausgehen. Lehrer mussen bereit sein, Unterrichtsinhalte flexibel an die jeweils aktuellen betrieblichen Aufgaben anzupassen - was erhohten Vorbereitungsaufwand bedeutet und didaktische Erfahrung erfordert.
Auf Unternehmensseite ist ein Mindestmaß an organisatorischer Bereitschaft notwendig: Ansprechpartner mussen verfugbar sein, Sicherheitsvorschriften fur Schulerbesuche mussen eingehalten werden, und die bereitgestellten Aufgaben mussen tatsachlich dem Ausbildungsstand der Klasse entsprechen.
Diese Anforderungen erklaren, warum das Modell bislang vor allem in mittelgroßen Unternehmen mit einem stabilen Ausbildungsbeauftragten umgesetzt werden konnte. Kleinere Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern geraten hier an kapazitative Grenzen.
Ergebnisse und Perspektiven
In den Pilotbetrieben, die das "Haus der Moglichkeiten" erprobt haben, sind erste positive Effekte sichtbar: Die Ausbildungsabbruchquote in der Mechatronik sank bei den beteiligten Unternehmen gegenuber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Schuler, die nach dem Besuch einer "Haus der Moglichkeiten"-Einheit im jeweiligen Unternehmen ein freiwilliges Berufspraktikum absolvierten.
Fur eine breitere Verbreitung des Modells ware eine starker institutionalisierte Partnerschaft zwischen Kultus- und Wirtschaftsministerium notwendig - inklusive einer Finanzierung der Mehraufwande auf Schulseite. Hier liegt die politische Hausaufgabe.
Susanne Hauser beobachtet die digitale Transformation in der produzierenden Industrie. Ihre Schwerpunkte sind Cyber-Physical Systems, Smart Factory und industrielle Digitalisierung.
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